Die größte Gefahr für Winzer: Frühjahrsfröste

Dieses Jahr ist der Frühling mit voller Wucht gestartet. Es wurden die wärmsten Grade im März und Anfang April gemessen, seit Aufzeichnung der Temperaturen. Die warmen Temperaturen haben nicht nur die Menschen vor die Tür getrieben, die sich nach der Winterzeit die Sonne aufs Gesicht haben scheinen lassen. Sondern auch die Natur hat die Sonnenstrahlen und die Wärme in vollen Zügen genutzt: Im Weinberg sind die ruhenden Knospen aufgeplatzten und die ersten Blätter haben sich entfaltetet. So langsam wurde der über den Winter eher trist aussehende Weinberg wieder grün. In manchen Weinbaugebieten kam der Austrieb der Reben 2-3 Wochen früher als im letzten Jahr.

 

Die Frühlingsgefühle der Reben, die mit dem Austrieb entstanden sind, wurden nun aber durch Spätfröste wieder erstickt. In einigen Weinbauregionen kam es zu Minusgraden in den Nächten, was fatale Folgen für die bereits sprießenden Triebe und jungen Blätter hat. Die Problematik der Frühjahrsfröste ist in den letzten Jahren immer größer geworden. Frühjahrsfröste gab es schon immer, aber durch den immer früheren Austrieb der meisten Rebsorten – eine Folge des Klimawandels – kam es in den letzten Jahren immer öfter zu Frostschäden im Weinberg.

Es gibt drei Arten von Frösten, die im Weinberg eine Rolle spielen:

  1. Frühfröste: Diese treten im frühen Herbst auf und führen zu einem frühzeitigen Absterben der Blätter. Falls die Ernte nicht schon erfolgt ist, kann ein Frost während der Erntezeit dazu führen, dass die Photosynthese unterbunden und damit die weitere Reife der Traube erschwert wird. Es kann zu einem Frostgeschmack der Traube kommen.
  2. Winterfröste: Weinreben sind relativ frostresistent. Ab Temperaturen von -20°C sterben die Reben aber ab. Wann genau das passiert hängt einerseits von der Rebsorte ab, andererseits davon, ob sich die Rebe langsam an die Kälte gewöhnen kann oder ob es zu einem rapiden Temperaturabfall kommt. Der Riesling ist zum Beispiel relativ frostresistent, einer der vielen Gründe warum er sehr gut für die kalten deutschen Weinregionen geeignet ist.
  3. Spätfröste: Nach dem Austrieb der Rebe im Frühjahr kommt es immer wieder zu Spätfrösten. Dieser Frost bewirkt ein Absterben der Knospen, der jungen Blätter und der jungen Triebe. Diese Spätfröste im Frühling können später zu erheblichen Ernteverlusten im Herbst führen. Wenn die Triebe geschädigt werden, die den Grundbaustein für die Laubwand und später das Traubenwachstum bilden, wird das Wachstum gehemmt oder ganz unterbrochen.

Im Folgenden gehe ich näher auf die Spätfröste ein, die in den letzten Wochen zu massiven Schäden in den deutschen, französischen und österreichischen Weinbergen geführt haben.

1. Wie entstehen Spätfröste?

Spätfröste treten vor allem dann auf, wenn sich bei Hochdruckwetter eine Inversionswetterlage entwickelt. Das bedeutet, dass es zu einer Drehung der Luftströme kommt. Während normalerweise die bodennahe Luft wärmer ist als die darüber liegenden Schichten, kehrt sich das in kalten Frostnächten um. Ohne eine schützende Wolkenschicht kann die aus dem Boden aufsteigende Warmluft nach oben entweichen, während gleichzeitig die Kaltluft von den Höhenlagen ins Tal abfließt.

 

Bei diesem Wetterphänomen ist die Temperatur am kältesten in Bodennähe – während die Luft mit steigender Temperatur wärmer wird. Das führt dazu, dass die kalten und schwereren Luftschichten unter den leichteren Luftschichten liegen. Dadurch wird der Luftaustausch durch Wind verhindert. Diese Wetterlage führt zu den starken Frösten im späten Frühling, die Winzer so fürchten. Vor allem sind Weinbergslagen in Mulden und Tälern betroffen, aus denen die Kaltluft nicht abfließen kann. Dort staut sich die kalte Luft für längere Zeit und es kommt zu Frostschäden.

2. Folgen von Frostschäden

Abhängig von der Rebsorte und dem Fortschritt des Austriebes können Frühjahrsfröste zu gravierenden Schäden führen.

 

Wenn der Austrieb noch nicht weit fortgeschritten ist, kann der Frost die Knospen, oder wie der Winzer sagt, die Augen einfrieren. Diese Augen werden dann braun und treiben nicht mehr aus. Nun müssen alle überlebenden Augen volle Arbeit leisten, um im Laufe des Frühjahrs und Frühsommers eine Laubwand zu produzieren. Denn ohne eine aktive Laubwand mit genügend Blättern fehlen der Traube im Laufe ihrer Entwicklung, die Nährstoffe, welche durch die Photosynthese der Blätter zu Verfügung gestellt werden.

 

Wenn der Austrieb soweit fortgeschritten ist, dass schon grüne Rebteile, also Blättchen zu sehen sind, erfrieren diese bei Temperaturen unter 0°C. Aus dem in den Rebblättchen enthaltene Wasser bilden sich Eiskristalle, die die Zellen der Pflanze zerstören. Die Blätter werden welk, zum Teil sogar matschig. Sie sind dann braun gefärbt und sterben ab.

 

Um diesen Rückschlag am Anfang der Wachstumssaison zu vermeiden und eine volle Entwicklung der Laubwand zu gewährleisten, gibt es einige Methoden, mit denen sich Winzer vor Frühjahrsfrösten schützen können.

3. Maßnahmen zum Schutz vor Frostschäden

a) Anlage des Weinberges

 Schon bei der Planung eines neuen Weinberges kann die Frostgefahr durch die Wahl der Rebsorten und Erziehungsform minimiert werden. Es gibt Rebsorten, welche frostresistenter sind als andere. Weinberge die frostgefährdet sind, sollten mit solchen Rebsorten bepflanzt werden. Beispiele hierfür sind der Riesling, der Silvaner, der Müller-Thurgau und der Sauvignon Blanc.

 

Auch die Erziehungsform – also die Art und Weise wie die Weinrebe geschnitten und an Drähte angebunden wird – kann Frostschäden minimieren. In Lagen mit Frostgefahr sollten die Reben nicht zu nah am Boden „erzogen“ werden, denn dort sammelt sich die kühle Luft am schnellsten. Das heißt Erziehungsformen mit hohen Stämmen, wie die Umkehrerziehung, sollten bevorzug werden.

 

b) Für Wind oder Luftumwälzungen sorgen

Bei der Entstehung von Frösten spielt die Inversionswetterlage eine wichtige Rolle. Die verschiedenen Luftmassen können durch Wind und Luftumwälzungen durchmischt werden, wodurch die Temperaturen im Weinberg ansteigen.

 

In vielen Weinbaugebieten der Neuen Welt, zum Beispiel in Neuseeland und Kalifornien, werden in Weinbergen Windmaschinen installiert, die in Etwa 10 Meter hoch sind. In frostgefährdeten Nächten finden diese Windmaschine Einsatz und vermischen die geschichteten Luftmassen. Somit bleibt die kalte Luftschicht nicht in Bodennähe und die Reben erleiden keinen Frostschaden. In Deutschland findet man diese Windmaschinen sehr selten, weil sie extrem teuer sind.

 

In Deutschland werden in den letzten Jahren häufiger Hubschrauber eingesetzt, die über die Weinberge fliegen und so die Luftmassen verwirbeln. Mit einem Hubschrauber kann die Rebfläche von bis zu 40ha vor Frost geschützt werden.

 

c) Beheizen

Eine der ältesten Methoden zur Bekämpfung des Frostes sind Weinbergsfeuer. In Frostnächten erleuchten viele Weinberge dank Heizkerzen, Gas- oder Ölbrenner. Letztere sind mit einem Gebläse ausgestattet. Die wärmespendenden Feuer haben eine Brenndauer von bis zu 8 Stunden. Das Verfahren wird auch in Kombination mit Windrädern oder Ventilatoren eingesetzt, um die Wirkung zu verbessern.

 

Heizdrähte sind eine neue Methode um Frühlingsfröste zu bekämpfen, welche schon in Australien Einsatz gefunden hat. Hierbei werden die Heizdrähte um die am Draht liegende Rebe geschlungen. Die erzeugte Wärme wird durch Oberflächenkontakt an die Rebe weitergegeben und strömt so auch in die grünen Triebe, sowie in die Blätter.

Eine weitere Maßnahme mittels Wärme sind Heiztunnel. Wie auf dem Bild erkennbar, werden Heizschläuche in den Weinberg gelegt, welche im Anschluss mit durch ein Gebläse mit heißer Luft aufgeblasen werden. Die Reben erhalten somit die Abwärme aus den Schläuchen, eine kalte Luftschichtung in der Bodennähe kann vermieden werden.

d) Wasser und Beregnung

Die Bekämpfungsmaßnahme mit Beregnung kann überall dort eingesetzt werden, wo genügend Wasser vorhanden ist. Die Beregnungsanlagen kennt man meinst nur aus den heißen Sommermonaten, wenn Felder mit dieser Methode bewässert werden. In Frostnächten werden die Reben mit Hilfe von Wassersprinklern bespritzt. Das gefrorene Wasser bildete eine

Schutzschicht um die Knospen, dadurch kann der Frost nicht in die Knospe eindringen. Allerdings ist der Wasserbedarf enorm: pro Stunde werden etwa 30 Kubikmeter für einen Hektar Fläche benötigt. Eine weitere Möglichkeit um Schäden von Frühlingsfrösten zu vermeiden ist die Sättigung des Bodens mit Wasser. Wenn der Boden über genügend Wasser verfügt, kann dieser tagsüber mehr Energie aufnehmen und folglich nachts mehr Wärme abgeben. Das Auskühlen des Bodens bei kritische Temperaturen unter 0°C kann mit Hilfe dieser Methode verzögert werden.

 

Alle diese Maßnahmen sind Zeit- und Kostenaufwendig und die Frostnächte bereiten den Winzern schlaflose Nächte mit Bangen um die Rebe. Die Ausmaße von Frühjahrfrösten sind meinst erst im Verlauf der anschließenden Wochen zu sehen. Ich drücke allen Winzern die Daumen, dass sie in den letzten Wochen einige der von mir beschriebenen Methoden angewendet haben und es zu keinen Frostschäden gekommen ist.


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