Die Entwicklung der Rebe im Laufe des Jahres

In unserem Winzerkalender gebe ich Euch jeden Monat einen Überblick, was gerade im Weinberg und Weinkeller passiert und vor welchen Herausforderungen die Winzer stehen. In diesem Blogartikel möchte ich Euch einen Überblick über die einzelnen Phasen der Entwicklung der Weinrebe über das ganze Jahr geben. Ich hoffe das hilft Euch, einige der etwas komplizierteren Zusammenhänge besser zu verstehen.

 

Die Rebe ist eine mehrjährige Pflanze, wird also nicht wie Weizen oder Kartoffeln jedes Jahr neu gepflanzt. Sie bleibt an ihrem Platz im Weinberg stehen und ihre Entwicklung über das Jahr folgt immer dem gleichen Schema. Dieses Schema wurde mit Hilfe der BBCH-Skala genau festgelegt und beschreibt im Detail die Entwicklung der Rebe. Die Biologische Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft, Bundessortenamt und Chemischer Industrie hat diese Skala entwickelt. Sie dient der Einteilung in einheitliche und genau bestimmbare Entwicklungsstadien der Rebe, um beispielsweise Pflanzenschutzmaßnahmen oder Düngungen termingerecht durchführen zu können. Diese Zuordnung folgt nicht den Monaten im Kalender, da die Entwicklung der Rebe stark von den äußeren Umwelteinflüssen abhängt. In einem Jahr kann eines der Entwicklungsstadien Anfang April liegen, während es sich in einem anderen Jahr erst Anfang Mai zeigt. Mit Hilfe dieser BBCH-Skala möchte ich euch die Entwicklung der Rebe etwas genauer erklären.

Die BBCH-Skala

Vorab noch eine kurze Erläuterung zum Aufbau der BBCH-Skala: Der gesamte Entwicklungszyklus der Weinreben ist mit Ziffern in aufsteigender Reihenfolge von 0 bis 99 in zehn überschaubare und deutlich voneinander abgrenzbare Makrostadien unterteilt. Diese Makrostadien werden in 10er Schritten beschrieben:

00–09: Keimung und Austrieb

10–19: Blattentwicklung

20–29: Bestockung und Bildung von

Seitensprossen

30–39: Triebentwicklung

40–49: Entwicklung der vegetativen Pflanzenteile

50–59: Erscheinung der Blütenanlage

60–69: Blüte

70–79: Fruchtentwicklung

80–89: Frucht- und Samenreife

90–99: Absterben und Eintreten in die Vegetationsruhe (bei mehrjährigen Pflanzen).

Makrostadium 0: der Austrieb

Die Bildung und die Entwicklung der im Frühjahr austreibenden Knospen beginnt schon im Sommer des Vorjahres. So haben die Wetterbedingungen des Vorjahres starken Einfluss auf die Bildung und die spätere Entwicklung der Knospen im darauffolgenden Frühjahr. Je günstiger als die Belichtungs- und Temperaturverhältnisse waren, desto mehr Knospen (Gescheine) bilden sich an den Trieben. Auch die Nährstoff- und Wasserversorgung spielen hierbei eine zentrale Rolle.

Im Mittel werden Ende April die Weinberge wieder grün, das heißt die Knospen platzen auf und die Entwicklung der Triebe startet. Bis zu dem Zeitpunkt des Knospenaufbruches sollte der Rebschnitt beendet und auch das Binden der Reben an das Drahtgerüst in weiten Teilen vollzogen sein. Die kleinen Knospen sind sehr empfindlich und stellen je einen Trieb dar, an dem sich im Laufe des Jahres die Trauben bilden. Somit ist höchste Vorsicht geboten, wenn in diesem Stadium noch Arbeiten an der Rebe gemacht werden müssen, weil jede kleine Verletzung und Beschädigung einer Knospe, eine Verlust eines Triebes bedeutet. Nach Beendigung des Rebschnittes wird das abgeschnittene Holz in den Rebzeilen gehäckselt und dient als natürlichen Dünger der Rebe. Um der Rebe beim weiteren Wachstum genügend Nährstoffe zu Verfügung zu stellen, werden die Rebzeilen nicht nur mit dem gehäckselten Schnittholz gedüngt, sondern auch mittels mineralischem Dünger.

Makrostadium 10 - 40: Blatt- und Triebentwicklung

Aus den Ende April gesprossenen Knospen, entfalten sich nun die ersten Blätter. Die Blätter stehen frei und zeigen nun schon rebsorten-typische Merkmale und Unterschiede der Triebspitzen. Für diesen Schritt der Entwicklung verwendet die Rebe Reservestoffe aus dem Vorjahr, welche im Altholz gespeichert vorliegen. Für das weiteren Wachstum greift die Rebe dann auf die vorher erwähnte Düngung zurück.

 

In den nächsten 1-2 Monaten wachsen die Triebe jeden Tag. Ab Mitte Mai beschleunigt sich das Triebwachstum und Temperaturen zwischen 25-30 Grad führen zu einem sehr schnellen Wachstum der Triebe. In besonders warmen Jahren kann ein Trieb pro Tag bis zu 10cm an Länge zunehmen. Kalte Temperaturen bremsen das Wachstum natürlich. Je nachdem wie die Wetterbedingungen im Rebjahr sind, können Ende Mai bereits gut ausgebildete Laubwände zu sehen sein, die dann unter den ersten Draht des Drahtrahmens gesteckt werden. In kalten und regnerischen Jahren können die Triebe hingegen erst handlang sein. Solch ein Rückstand kann die Rebe dann bei warmer Witterung schnell wieder aufholen.

Zu diesem Zeitpunkt und vor allem vor der Blüte werden die ersten „Laubarbeiten“ im Weinberg gemacht. Hierbei werden kümmerlich gewachsene Triebe entfernt und überschüssige Triebe ausgebrochen. Das „Ausbrechen“ stellt eine erste Regulierung der Laubwand dar und dient dem Management der später wachsenden Trauben. Je nach Philosophie des Winzers werden zwischen einem und zehn Trieben pro laufendem Meter stehengelassen. Wichtig ist, dass die Triebe beim Ausbruch noch nicht zu groß sind, um so tiefere Wunden zu vermeiden. Des Weiteren werden in dieser Phase der Entwicklung die Stämme der Reben „geputzt“, das heißt alle (Wasser-) Schosse, die am Stamm wachsen, werden entfernt. So verliert die Rebe keine Energie in das Wachstum der Schosse, die überflüssigerweise am Stamm wachsen.

Makrostadium 50: Entwicklung der Blütenanlage

Die Anlagen der Blüte werden in der Rebsprache auch Gescheine oder Infloreszenzen genannt. In den ersten Wochen nach dem Austrieb bilden sich unmittelbar unter der Triebspitze die Gescheine. Im Laufe der Zeit strecken sich die Gescheine und bereiten sich auf die Blüte der Rebe vor. Die Gescheine weisen eng aneinander gedrängte Blüten auf. Gegen Ende dieses Stadium spreizen sich die Blüten und die Zeit der Blüte ist fast gekommen. In diesem Stadium werden nun die ersten Spitzmaßnahmen getätigt. Diese Vorblüte-Spritzung dient der Eindämmung von verschiedenen Pilzkrankheiten, wie dem Falschen und dem Echten Mehltau. Auch werden Pheromonfallen ausgehangen, die Sexuallockstoffe verschiedene Schädlinge erhalten und diese an der Vermehrung hindern. Dieses sehr schonende Verfahren ist sehr erfolgreich darin, die Insekten ‚Traubenwickler‘ aus dem Weinberg fernzuhalten.

Je nach Entwicklung der Triebe, können diese nun weiter in den Drahtrahmen geheftet werden, um den aufrechten Wuchs der Triebe zu fördern und die Rebzeilen als Fahrgasse gut befahrbar zu machen. An Tagen mit schlechtem Wetter, wenn der Boden zu feucht ist um im Weinberg zu arbeiten, werden die Weine aus dem Vorjahr in Flaschen gefüllt. Das Abfüllen der Weine schließt den Arbeitszyklus des vergangenen Jahres. Die Fässer im Keller leeren sich nun nach und nach und stehen wieder für den nächsten Einsatz im Herbst zu Verfügung.

Makrostadium 60: Blüte

Nun geht es weiter mit der Blüte der Rebe. Die Gescheine bestehen aus vielen kleinen Blütenböden, welche von einem Käppchen umgeben sind. Zu Beginn des Stadiums lösen sich die Blütenkäppchen von den Blütenböden und nach und nach werden alle Käppchen abgeworfen. Die Vollblüte ist erreicht, wenn 50% der Käppchen abgeworfen wurden. Der Zeitpunkt der Blüte hat sich in den letzten Jahren nach vorne verschoben und nun findet die Blüte meinst Ende Mai bis Mitte Juni statt. Die Blüte der Rebe ist nicht besonders auffällig, sondern eher unscheinbar und klein. Zur Zeit der Blüte ist die Rebe anfällig gegenüber Pilzkrankheiten wie dem schon erwähnten Echten und Falschen Mehltau, zwei der wichtigsten Krankheiten, die im Rebjahr auftreten. Je nach Wetterlage und unter Beobachtung der Entwicklung dieser Pilzkrankheiten, werden weitere Pflanzenschutzmaßnahmen notwendig. Während der Blüte, sollten die Reben jedoch möglichst ihre Ruhe haben. Die zwittrige Blüte der Rebe bestäubt sich selbst und somit ist eine Blütezeit ohne starke Winde und Regen gewünscht. Die Zeit der Selbstbefruchtung beim Wein sollte von kurzer Dauer sein, um eine Verrieselung – Beschädigung der Blüten und späteren Trauben durch Regen – oder das Verblühen ohne Befruchtung zu vermeiden. Läuft die Befruchtung schlecht, kann es zu starken Verrieselungen, also einer fehlenden Befruchtung der Rebe kommen und die Erntemenge werden stark reduziert.

 

Auch im Zeitraum nach der Blüte ist es wichtig die immer größer werdenden Triebe in den Drahtrahmen einzufädeln, um ein Abknicken zu vermeiden.

Makrostadium 70: Fruchtentwicklung

Nach der Blüte findet in den kleinen, heranwachsenden Beeren eine etwas 4-5 Wochen andauernde Phase der intensiven Zellteilung statt. Die Beeren wachsen bei nicht zu heißem Wetter und genügen Wasserzufuhr kontinuierlich an. Wenn die Zellteilung abgeschlossen ist, kommt es zu einer Phase, in der die Beeren sich äußerlich nur noch wenig weiterentwickeln. Diese Phase ist stark sortenabhängig und dauert bis zur Fruchtreife an. Diese Endphase wird auch Traubenschluss genannt. Wichtig ist hier die Reifephase nicht mit der Fruchtreife zu verwechseln. Wie schon erläutert, handelt es sich bei der Reifephase überwiegend um die äußerlichen Veränderungen, also das Größerwerden der Traube. Die Fruchtreife setzt im Anschluss an und stellt die Reife der Inhaltsstoffe der Traubenbeere da – von außen lassen sich kaum Unterschiede erkennen.

Im Stadium der Reifephase hat der Winzer einiges zu tun. Die Art der Tätigkeit ist wie so vieles im Winzerdarsein von der jeweiligen Arbeitsphilosophie des Winzers abhängig. Die Blätter in der Zone, in welcher die Trauben hängen, können zum Teil entfernt werden, um eine Durchlüftung der Rebanlage zu fördern und mehr Sonne an die Trauben heranzulassen. So kann bei Regen die Laubwand besser abtrocknen und die Voraussetzungen für einen Pilzbefall werden verringert. Es kann dabei in heißen Sommern aber auch zum Sonnenbrand auf den Trauben oder zu einer Ansammlung von zu viel Zucker kommen.

 

Wenn die immer länger werdenden Triebe den Drahtrahmen überwachsen haben, wird „gegipfelt“: die obersten Triebe werden abgeschnitten. Nun ist das Längenwachstum unterbrochen und die Energie der Rebe wird nun in die Trauben gelenkt.

 

Eine weitere Maßnahme, die Nährstoffversorgung in die Trauben zu lenken ist die „grüne Lese“. Diese beginnt Mitte bis Ende August, wenn die Reifephase eintritt. Durch das Entfernen einiger schon ungefähr erbsengroßen Beeren, kann die Rebe ihre Kraft in die verbleibenden Beeren stecken. Durch die Entlastung der Rebe, die nun ihre Nähstoffe gezielt in de Verbleibenden Trauben schicken kann, wird die Qualität der Beereninhaltsstoffe gefördert. Auf der anderen Seite wird die Menge der Weintrauben reduziert, die später geerntet werden können. Der Winzer hat also die Wahl zwischen Qualität und Quantität, zwischen wenig gutem Wein und viel Basiswein.

Makrostadium 80: Fruchtreife

Nun beginnt die Traubenreife. Es sind nun äußerlich keine Wachstumsveränderungen der Traube mehr sichtbar. Die Beeren verändern ihre grüne Farbe und werden langsam weich. Die zuvor gebildeten Inhaltsstoffe der Traube werden nun verändert. Die Säure nimmt ab und der Zuckergehalt steigt rasch an. Die sortentypischen Aromastoffe werden gebildet. Am Ende der Phase ist die Lesereife erreicht und die Weinlese kann beginnen. Ab und an werden noch Blätter in dem Weinberg entfernt, um den Zuckergehalt zu fördern. Ansonsten hat der Winzer nun endlich kurz Zeit um etwas zu verschnaufen, bevor die hektischste Zeit im Jahr kommt, die Traubenlese. Nun geht es an die Vorbereitung der Lese, mit Arbeiten wie den Tank zu putzen.

Makrostadium 90: Absterben und Eintreten in die Vegetationsruhe

Nach der Ernte bleiben nur noch die Blätter an der Rebe hängen. Die Holzreife der Triebe ist nun komplett abgeschlossen und die Nähstoffe werden aus den Blättern herausgezogen und in das Holz eingelagert, als Reservestoffe für den Start im nächsten Frühjahr. Nach und nach fangen die Blätter an sich zu verfärben und fallen letztendlich ab. Der Winter ist im vollen Gange und der Winzer breitet sich nun auf das nächste Weinjahr vor, welches mit dem Rebschnitt beginnt.

 

In dieser ruhigen Phase im Weinberg, blubbert und gärt es im Weinkeller und die Hauptarbeit gilt der Herstellung der Weine.


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